Was macht eine Reise besonders? Sind es die Begegnungen? So wie gestern: dass zahnlose Lachen der alten Frau in ihrem kleinen Kabuff in einem „Waterhouse“ (ca. 8 qm groß), als ich ihr mit Hilfe des Google-Übersetzers im I-Phone klar machen wollte, dass ich 40 Liter Trinkwasser für mein Auto benötige. Schade, dass wir sie nicht fotografieren durften. All die Begegnungen am Straßenrand, beim Einkauf, ohne eine gemeinsame Sprache, aber mit dem nötigen Respekt unter Menschen.

Über zwei besondere Begegnungen möchte ich berichten. Die mit Joey und Luke und die mit Evgeni und seiner liebenswerten Familie. Und natürlich darüber, was zu diesen Begegnungen führte.

Es war Tag 8 unserer Reise. Wir hatten Moskau besucht, sind über Susdal und seinen weißen Kirchen weiter gen Osten gefahren. Etwa 200 Kilometer hinter Moskau treffen wir wieder auf die Hauptstraße Richtung Osten. Das Fahren in Rußland strengt an. Verkehrsregeln? Wir sind übermüdet und haben einen endlosen Transit bis Irkutsk weit in Sibirien vor uns. Im dichten Verkehr geht es voran, als ich im linken Außenspiegel einen roten VW Bully auf der linken Spur sehe. Einen alten. Einen richtig alten. Mit geteilter Frontscheibe, über 50 Jahre alt. Ich brülle Marion an: „ Den Fotoapparat. Schnell. Da kommt Joey.“ Ihre gelangweilte Antwort: „Ja ja“. Bevor ich es noch realisiere, ist er vorbei. Joey Kelly am Steuer des roten Bullis; auf der Fahrt von Berlin nach Peking. Mit seinem Sohn Luke, in eben jenem alten von ihm restaurierten Bulli. Ich hatte davon gelesen. Und nie für möglich gehalten ihn zu treffen. Die Wahrscheinlichkeit geht gegen null.  An der nächsten Ampel stehen wir hinter ihm. Er steigt aus, kommt zu meinem Fahrerfenster  und fragt, ob wir uns nicht ein wenig unterhalten könnten. Er muss eh in ein paar Kilometern tanken. Man muss wissen: ohne Joey Kelly, dem charismatischen Gitarristen der Kelly-Family, hätte ich wahrscheinlich niemals als Nichtschwimmer einen Ironman gefinisht oder den Marathon des Sables durch die Sahara unter die Füße genommen. Wir schlagen also ein. Etwa 20 Kilometer weiter halten wir im Niemandsland an dem Trans-Sibirien-Highway an einer Tankstelle. Während Joey tankt und Luke, der noch hinten im Bulli lag, sich anzieht, treffen ein Team von Stern-TV und Joeys Haus- und Hoffotografen ein. Die Reise wird für ein Anfang Dezember beim National-Geographic-Verlag erscheinendes Buch und eine Stern-TV-Reportage dokumentiert. Wir kochen Kaffee, geben Interviews und Benny ist der Held des Tages. Die nächste Stunde dann Smalltalk mit Joey Kelly an einer Tanke im Nirgendwo. Wir stellen fest, dass wir bereits zusammen den Schwäbische-Alb-Ultra und die 100 Kilometer von Ulm gelaufen sind. Und beim Opening-Konzert von Rammstein waren wir auch… Wir bewundern gegenseitig unsere Fahrzeuge. Jedes für sich ein Unikat. Als er mein „TorTourdeRuhr-Armband“ sieht, winkt er das Kamerateam heran. Er erzählt vom „deutschen Badwater“, den er bisher noch nicht gelaufen ist und ist spürbar angefixt. Sicher, seine Reise wird vermarktet. Aber: tatsächlich zieht er seine Reise alleine mit seinem Sohn durch. All die anderen folgen im gebührenden Abstand und dokumentieren. Mehr nicht! Irgendwann ist alles gesagt und wir brechen auf. Jeder in sein eigenes kleines Abenteuer. Es war ein großartiges Gespräch, geprägt von gegenseitigem Respekt der Leistung des jeweils anderen. Eine Geschichte, so unglaublich, dass sie nur auf einer solchen Reise möglich scheint.

Wir fahren weiter. Tausende Kilometer Richtung Osten, Richtung Irkutsk und Ulan-Ude. Etwa 40 Kilometer vor der viertgrößten Stadt Rußlands, Jekaterinenburg, und etwa 20 Kilometer vor Verlassen des europäischen Kontinents,  passiert das Undenkbare. Der Motor verreckt. Wir stehen auf dem schmalen geschotterten Randstreifen einer dicht befahrenen Schnellstraße. Warnblinkanlage an, Warndreieck aufgestellt und auf geht’s. Fehlerdiagnose. Dass Auto springt nach einigen Minuten sehr widerwillig wieder an, um wenige Meter weiter wieder abzusterben. Ich spüle den Dieselfilter durch, checke den Motor und die Kraftstoffpumpe, prüfe den Stecker des Motorsteuergerätes auf Motoröl, klemme den Luftmengenmesser ab. Alles ohne Erfolg. Als ich mit meinem Latein am Ende bin, rufe ich den ADAC an. Mühsam vermittle ich unseren ungefähren Standort in Rußland. Etwa 2 Stunden Wartezeit. Ich telefoniere (wie in der Folge noch sehr häufig) mit dem LandRoverschrauber meines Vertrauens, Marcus, in der Heimat. Wir spielen alle Eventualitäten durch. Ohne Ergebnis. Als die Nerven so richtig blank liegen, hält ein sehr alter Audi 80 mit zwei jungen Russen hinter uns. Nachdem tausende Autos, auch Polizei, vorbei gerauscht sind. Auch das noch. Ich versuche also die beiden abzuwimmeln. Schließlich ist ein Abschlepper unterwegs. Doch die beiden sind zäh. Sie steigen aus, stellen sich als Evgeni und Konstantin mit eigenem „Car-Shop“ vor. Evgeni spricht etwas englisch. Der erste Russe, der bisher englisch spricht. Und sie fangen an, unser Auto zu reparieren. Ungefragt und zu diesem Zeitpunkt auch noch ungewollt. Schließlich ist ein Abschlepper… Sie googeln auf zwei Handys nach möglichen Ursachen und kommen zu dem Schluß, dass nur eine Fachwerkstatt helfen kann. Zufällig kennen sie da jemanden bei LandRover in Jekaterinenburg. Na klar. Ich bleibe skeptisch. Man liest ja soviel über diese Bauernfänger.  Und doch lassen wir uns darauf ein. Ich bestelle den Abschlepper wieder ab. Wir ruckeln in unzähligen Anläufen von jeweils einem  bis drei  Kilometern bis zu einem Volvo/Jaguar/RangeRover-Händler. Niemand spricht englisch. Und es ist Sonntag. Und vor und in dem Laden stehen unzählige Luxuskarossen im Millionenwert. Selten habe ich mich so fehl am Platz gefühlt. Später stellt sich raus, dass die letztlich zum Erfolg führende Reparatur erst einmal dort durchgeführt wurde. Niemand der Kunden fährt so eine alte abgeranzte Karre.  Aber Evgeni ist zäh. Er überredet die Belegschaft, trotz Sonntag loszulegen. Man versagt uns allerdings, die heiligen Hallen zu betreten. Also lädt uns Evgeni zu sich nach Hause ein. Der Hund? Kein Problem. Das höre ich in den nächsten zwei Tagen übrigens noch sehr sehr oft. Wir steigen also samt Benny in den alten Audi 80 und fahren in eine der riesigen Plattenbausiedlungen. Und tauchen in eine uns fremde Welt ein. Mit fast schon beschämender Gastfreundlichkeit werden wir in dem bescheidenen Heim in der 7. Etage eines Hochhauses bewirtet. Seine liebenswerte Frau und die beiden Kinder, Alexej und Katharina, heißen uns willkommen, als ob wir schon immer zur Familie gehören würden. „Mein Zuhause ist dein Zuhause“. Man beköstigt uns vom feinsten. Irgendwann gegen 20:00 Uhr ruft dann LR an. Man benötigt mich für eine Probefahrt. Ich fahre also mit einem Mechaniker auf dem Beifahrersitz und einem Druckmesser an der Windschutzscheibe durch Jekaterinenburg. Der Druckmesser spielt verrückt und das Auto stirbt nach wenigen Kilometern wieder ab. Die Diagnose des Altmeisters: die O-Ringe an den Hochdruckeinspritzdüsen sind undicht. Telefonat mit Marcus in Deutschland. Unwahrscheinlich. Diese halten laut LR 250.000 bis 300.000 Kilometer; und wurden erst vor etwa 20.000 Kilometer vorbeugend getauscht. Eher ist das Motorsteuergerät defekt. Reparaturdauer: inklusive Einsenden nach Deutschland oder England etwa 2 Wochen. Der Tausch der O-Ringe und einiger Kleinteile kann am Folgetag erfolgen, sofern die Teile in Jekaterinenburg verfügbar sind. Sind sie aber nicht. Lieferzeit mindestens 4 Tage. Zeit, die wir nicht haben. Es ist mittlerweile fast 22:00 Uhr und wir dürfen vor der Werkstatt übernachten. Nachdem wir mehrfach die Einladung von Evgeni abgelehnt haben, bei ihm zu übernachten. Am nächsten Morgen steht Evgeni pünktlich mit Alexej vor dem Landy. Er hat die ganze Nacht recherchiert und verschiedene Lösungen parat. Er telefoniert mit tausenden Leuten, dolmetscht und letztlich haben wir gemeinsam mit der LR-Belegschaft eine Lösung. Wenn wir bis zum frühen Nachmittag die Ersatzteile besorgt haben, würde man die Reparatur noch am Abend durchführen. So starten also Evgeni (permanent im dichten Großstadtdschungel noch zwei Handys am Ohr) und ich im Audi 80 eine unglaubliche Odysee kreuz und quer durch Jekaterineburg. Bei einem Händler schießen wir einen Motordichtsatz, bei einem anderen Hinterhofkrauser die benötigten (originalen!) O-Ringe und Dichtungen. Ganz nebenbei bekomme ich so noch eine Stadtrundfahrt, tausche mit Evgenis Hilfe Geld und lade die russische SIM-Karte wieder auf. Um 14:00 Uhr sind wir zurück bei LR. Und wieder dürfen wir der Reparatur nicht beiwohnen. Es regnet und zumindest Benny darf auch nicht in den Verkaufsraum. Kein Problem für Evgeni: alle wieder rein in den Audi 80, vorbei an einem russischen Supermarkt, zurück in seine Wohnung. Ein großes Hallo bei der Familie. Benny wollte gar nicht mehr weg. Und wieder verbringen wir einen Nachmittag und Abend bei dieser tollen Familie. Wir essen fürstlich, schauen gegenseitig Familienbilder und erzählen uns von unserem Leben. Wir bekommen einen Einblick in das Leben einer typischen russischen Arbeiterfamilie. Wir erfahren viel über Rußlands Geschichte und über das wahre Leben in diesem gewaltigen Reich. Wir lachen zusammen. Es ist einfach unglaublich, wie selbstverständlich man dem alten Klassenfeind Respekt und Gastfreundschaft zollt. Ich habe in meinem ganzen Leben nichts vergleichbares erlebt. Als um halb neun abends endlich LR anruft, bekommen wir von der Familie noch zahlreiche Geschenke. Von der Schwiegermutter eingemachte Pilze und Obst. Einen kleinen handgemalten Keramikbären, der der Familie sehr viel bedeutet. Einen Bildband über die Nationalparks in Rußland. Und bitte: die Familie arbeitet hart und hat wirklich nicht viel. Wir sind verlegen und es rührt uns zu Tränen. Und die ganze Familie läuft mit uns zur Werkstatt. Eine gemeinsame Probefahrt und einige zigtausend Rubel wechseln den Besitzer. Hin zu LR. Evgeni und sein Kollege Konstantin weigern sich strikt, etwas anzunehmen. Wir sind ihre Gäste. Zwei ganze Tage konnte Evgeni seiner Arbeit in der KFZ-Werkstatt nicht nachgehen. Ist halt so… Für einen Freund. Abends um 22.00 Uhr liegen wir alle uns vor der LR-Werkstatt in den Armen und verabschieden uns.

Gestartet bin ich am Vortag auf der Schnellstraße mit einem riesigen Haufen von Vorurteilen. Geendet haben diese wirklich unglaublichen zwei Tage mit einem neuen Freund und der Erkenntnis, dass es sich lohnen kann, einfach zu vertrauen.

Nur zwei, aber sicher zwei besondere, Begegnungen auf einer ungewöhnlichen Reise. Es lohnt sich, das Unmögliche zu wagen. Am Ende wird man reich beschenkt. Mit Erlebnissen und Eindrücken, die unbezahlbar sind.

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