Teil 6 unseres Reiseblogs

Der letzte Beitrag endete in Nur-Sultan, der Hauptstadt Kasachstans.

Nach unserem dritten Versuch, den Rahmen des Landys zu schweißen, wollten wir schnellstmöglich über die Grenze nach Rußland. Zügig geht es auf guter Straße gen Norden nach Petropawl kurz vor der kasachisch-russischen Grenze. Verbunden mit der Erkenntnis: auch die dritte Rahmenreparatur hält nicht. Hinzu kommt, dass es zunehmend bitterkalt wird und es häufig und anhaltend regnet. Anstatt wie geplant über den Pamir Tadschikistans in die Wüstenstädte Usbekistans und dann weiter rund um das Kaspische Meer über Georgien und die Türkei in den sonnigen Süden Europas zu fahren, führt uns unser Weg in den „Golden Autumn“ Sibiriens. All das, verbunden mit der permanenten Sorge, dass uns das Auto endgültig bricht, führt zu einer denkbar unentspannten Stimmung im „Greenroverlandy“. Oder anders ausgedrückt: wir haben aktuell die Schnauze voll. Der Grenzübertritt nach Rußland verläuft relativ problemlos. Kurz dahinter dann sackt das Heck erneut deutlich ab. Neue Risse werden sichtbar. Wir kontaktieren unseren Freund Evgeni in Jekaterinburg. Jener Evgeni, der uns auf der Hinfahrt bereits bei unserem Motorschaden so selbstlos geholfen hat. Dummerweise ist er gerade mit Familie und Schwiegereltern zu Schwiegervaters 60. Geburtstag in einer Datscha an einem einsamen See ca. 250 Kilometer südlich von Jekaterinburg. Aber hey, das liegt doch fast auf dem Weg von der kasachischen Grenze nach Jekaterinburg. Schnell sind wir eingeladen und auf dem Weg in‘s Nirgendwo des Urals. Zwei Tage später werden wir begrüßt wie gute Freunde und von der gesamten Familie aufgenommen. Als wäre es das selbstverständlichste der Welt, verbringen wir 2 Tage an diesem wunderbaren Ort. Wir essen und trinken, tauschen uns im Rahmen des sprachlich möglichen über uns, unsere Familien und unser Leben aus.  Der Besuch der Banja, einer typisch russischen Sauna, wird mir unvergessen bleiben. Wir lernen und erfahren so viel über das Leben in Rußland. Schade nur, dass auch diese Tage überschattet sind von der großen Sorge, wie es mit uns weitergehen wird.

Sonntag mittags brechen wir auf nach Jekaterinenburg. Während wir 2 nervenaufreibende Tage für diese kurze Strecke benötigen, fährt Evgeni bereits vor und organisiert die Reparatur unseres Autos. Was dann passiert, sollte uns wieder einmal in Erstaunen versetzen. Kurzerhand wird eine Werkstatthalle mit Grube leer geräumt und für die Reparatur vorbereitet. Evgeni mobilisiert hervorragende Helfer, allen voran Andrej als begnadeten Metallbauer und Schweißer. Räder, Spurstangen, Stabilisatoren, die Kraftstoffanlage und der Auspuff werden demontiert. Die angeschweißten Bleche entfernt, der Rahmen vermessen und neu ausgerichtet. Ganze 5 Tage und sogar Teile der Nächte wird geschweißt und geflext. Es wird hochwertigster Stahl mit großem Aufwand besorgt und passend verarbeitet. Ganz nebenbei gibt es noch neue Bremsbeläge und die bereits auf der Hinfahrt abgerissene Halterung der Kabine wird neu und besser als je zuvor rekonstruiert. Als wir Freitags nachmittags nach einer nervenaufreibenden Woche unser Auto wieder in Empfang nehmen können, ist der Rahmen stabiler als im Originalzustand. Die bis zu 5-köpfige Crew um Andrej und Evgeni hat wirklich eine unfassbar solide Arbeit abgeliefert.

Soviel zum Auto. Und wir drei? Diesmal konnten wir nicht in der Kabine wohnen bleiben. Also ab in ein Hotel? Pustekuchen. Kein Hotel in der Metropole war bereit, uns mit dem Monsterhund aufzunehmen. Appartements? Ebenfalls Fehlanzeige. Doch wie so oft auf dieser Reise: es wird wie verrückt telefoniert und diskutiert und am Ende findet sich ein freundlicher Wohnungsbesitzer, der uns eine leerstehende Wohnung in einer Plattenbausiedlung zur Verfügung stellt.  Zu einem fairen Preis. Als er allerdings unseren Benny in wahrer Pracht und Größe und live sieht, wird  dann aber doch noch eine satte Kaution fällig. Man kann ja nie wissen, welcher Renovierungsbedarf sich anschließend ergibt. Um es vorweg zu nehmen: die Kaution bekamen wir natürlich am Ende komplett erstattet, verbunden mit der Einladung, jederzeit gerne wieder zu kommen. Wir verbringen die Tage mit ausgiebigen Spaziergängen durch die Stadt und lesend. Zwischendurch gibt es dann noch ein Skype-Interview mit dem WDR. Ich hatte ja schon viele „Untertitel“ bei den Filmbeiträgen. Aber „Weltenbummler“ war mir neu 🙄. Und abends? Die Abende mit Evgeni und seiner Familie in seinem trauten Heim bleiben unvergessen. Am letzten Abend laden wir die vier dann in unsere Wohnung ein und Marion improvisiert ein kleines Abendessen. Als sich ein schöner Abend dem Ende neigt, verabschieden wir uns herzlich von diesen selbstlosen und freundlichen Menschen. Am nächsten Tag dann, als wir nachmittags unseren Landy übernehmen, passiert uns mit den Mechanikern das gleiche wie am Vorabend mit Evgenis Familie: der Abschied fällt wirklich schwer.

Evgeni begleitet uns noch vorsichtshalber etwa 20 Kilometer bis zur Asiengrenze. Dort, auf einem kleinen Parkplatz, verabschieden wir uns endgültig als gute Freunde. Wir fahren von dort nur noch einige Kilometer weiter zur großen Asien-Europa-Stele. Wir übernachten in einem Wäldchen unmittelbar hinter der Stele. Endlich wieder in unserer Kabine. Bei Wein und Wodka verbringen wir den Abend wie so oft auf dieser Reise. Wild stehend irgendwo in einem “bösen“ Land. Wir sind alleine. Meist gibt es keinen Handyempfang. Uns umgibt tiefe Dunkelheit und ebensolche Stille. Es ist unsere 71. Nacht auf dieser Reise. Nächtliche Begegnungen hatten wir mit Kühen, die sich am Auto rieben oder mit Greifvögeln, die übers Kabinendach wanderten. Menschen, wenn überhaupt vorhanden, schauten neugierig. Nicht mehr. Nur einmal wurden wir nachts gestört. Ich berichtete bereits über unseren nächtlichen Besuch von den skurrilen Besitzern einer Cannabisplantage, auf der wir versehentlich übernachteten. Da waren wir selber schuld. Was uns am Ende der Reise, egal was sie noch bieten wird, sicherlich am meisten in Erinnerung bleibt, ist, wie unkompliziert und angstfrei sich die Länder östlich der EU bereisen lassen. Die Menschen sind zurückhaltend, freundlich, aufgeschlossen und hilfsbereit. Selbst die vorausgesagten Probleme mit Korruption und Behördenwillkür waren zwar grundsätzlich vorhanden, aber sehr überschaubar.

Wir hatten in diesen Tagen allerdings nicht mehr die Nerven, all das wirklich zu genießen. Wir entschieden uns daher, die etwa 2.700 Kilometer bis zur russisch-lettischen Grenze im Transit zu fahren. Übernachtet wurde an Awostojankas, den typisch russischen LKW-Rastplätzen. Dreckig, häßlich, laut. Dazu kam dichtes Schneetreiben im Ural und viel viel Regen. Wir waren getrieben von der Sorge, dass der Rahmen nicht hält. Im Nachhinein sollten wir uns schämen, den Fertigkeiten von Andrej und co nicht mehr vertraut zu haben. Nach 5 Tagen erreichten wir die Grenze in die EU. Wir haben ja nun viel erlebt bei unseren Grenzübergängen. Genug, um ein Buch darüber schreiben zu können. Aber dass wir bei der Einreise in die EU neben Milch und Käseprodukten auch unser (in Deutschland gekauftes) Dosenfleisch entsorgen mussten. Nun ja. 20 Kilogramm frischer Fisch wären kein Problem gewesen. Aber originalverschlossene Dosen mit Fleisch und Wurst? Oder in der EU produzierter und eingeschweißter Käse, welcher nach Rußland exportiert, dort von uns gekauft und original verpackt zurück in die EU sollte? Zu gefährlich. Alles in die großen Tonnen. Und kurz hinter der Grenze für teures Geld dann neu gekauft. Zum Teil die selben Produkte. Erklär mir jemand die Globalisierung. Aber egal: wir sind wieder drin, in der EU. Mit Hund. Puh. Ab jetzt keine Grenzkontrollen mehr. Neben der weitestgehend einheitlichen Währung sicher einer der größten Mehrwerte für uns Reisende in der EU. Etwa 10 Kilometer hinter der Grenze dann plötzlicher Druckverlust hinten rechts. Ist ja kein Problem: mit dem umfassenden Paket zum Reifenflicken und Ventile tauschen bin ich ja gut gerüstet. Dumm nur, dass die Felge gerissen ist. Also ist Räder wechseln angesagt.

Von nun an lassen wir es etwas langsamer angehen. Wir haben noch knapp 3 Wochen Zeit. Entspannt fahren wir durch Lettland und Litauen in die Masuren nach Polen. Wir finden herrliche Nachtplätze an einsamen Seen. Endlich bekommt unser Benny wieder etwas Auslauf und kann baden gehen. Aufgrund der Außentemperaturen nahe der 0°-Grenze nehmen wir selbst allerdings Abstand hiervon…

Ach ja, die wichtigste Botschaft: bis hierher hält der Rahmen! 👍

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